Tilikum und die Geschichte der Orca-Fänge

Obwohl Orca Tilikum schon den größten Teil seines Lebens in Gefangenschaft fristet – nämlich die letzten 33 Jahre – war er einst ein freier isländischer Schwertwal, der seine Bahnen in den kalten Gewässern des Nordatlantiks zog. Tilikum wurde 1983 in Island gefangen, nach dem die Fangaktionen sich vom Westen der USA nach Island verlagert hatten. Er teilt sein trauriges Schicksal mit Keiko (bekannt aus dem Film „Free Willy“), welcher jedoch nach jahrelangem Einsatz in seine heimischen Gewässer zurück gebracht werden konnte. Er war somit der erste Orca überhaupt, der rehabilitiert und in die Freiheit zurück entlassen wurde.

Zwischen 1976 und 1989 wurden mindestens 54 Orcas in isländischen Gewässern gefangen und anschließend weltweit an Delfinarien verkauft. 17 davon endeten bei Seaworld und nur sechs sind heute überhaupt noch am Leben –  ein Großteil davon ebenfalls in den Becken von Seaworld: Tilikum, Katina, Kasatka und Ulises (Seaworld Orlando und San Diego). Die beiden weiteren, Kiska und Stella, werden in Kanada und Japan gehalten.

The shed in Iceland where Tilikum was after his capture
The shed in Iceland where Tilikum was after his capture

Die ersten Versuche, Orcas zu fangen, wurden in den 1960er Jahren an der US Westküste unternommen. Man hatte nach einigen wenigen Fängen in den Vorjahren bemerkt, dass diese majestätischen Wesen dazu in der Lage sind große Mengen zu faszinieren und in ihren Bann zu ziehen – und somit ziemlich rentabel waren. Daraufhin wurden Northern und Southern Residents (nördliche und südliche ortstreue Schwertwale) stark ins Visier genommen. Das Center of Whale Research geht davon aus, dass mindestens 58 Southern Residents entweder an Delfinarien  verkauft wurden oder schon bei der Gefangennahme starben. Nur ein Wal pro Population ist heute in Gefangenschaft noch am Leben: Corky, ein Northern Resident Weibchen, die ihr Dasein in Seaworld San Diego fristet, während sich ihre Familie frei in den Gewässern vor Kanada bewegen kann; und Tokitae (Lolita), die im kleinsten Becken Amerikas im Miami Seaquarium gehalten wird.

Am 7. März 1976 wurde ein weiterer schrecklicher Versuch unternommen, wilde Bigg’s Schwertwale zu fangen. Dabei drängten mehrere Boote, unterstützt von einem Flugzeug und Unterwasserbomben, sechs der Wale zusammen. Die Aktion fand in Gewässern vor dem Bundesstaat Washington statt, wo zufälligerweise gerade ebenfalls eine Orca-Konferenz im Evergreen State College abgehalten wurde, bei der Treffen der Entscheidungsträger stattfand, um die Errichtung eines Refugiums in Puget Sound zu diskutieren. Diese Umstände führten dazu, dass der öffentliche und politische Aufschrei so groß war, dass die Wale nach einem Gerichtsprozess wieder freigelassen wurden. Seaworld wurde es außerdem verboten,  weiterhin Schwertwale in den Gewässern vor Washington zu fangen.

Nur einen Monat später begann das Center for Whale Research offiziell seine Orca-Forschung und beobachtet die Southern Resident Population nun schon seit 40 Jahren.

Weniger als ein Jahr später ließ Seaworld den ersten Orca von Island einfliegen. Während die ortsreuen Populationen des nordöstlichen Pazifik Lachs auf ihrem Speiseplan vorziehen, lieben die isländischen Populationen Heringe und folgen den Heringwanderungen über den Nordatlantik. Sie sammeln sich in geschützten Fjorden, um sich an den Heringen in ihren Winterquartieren satt zu essen. Die von Seaworld beauftragte Fangflotte bemerkte schnell, dass sie die Methoden, die sie in Washingtoner Gewässern perfektioniert hatte, auch hier anwenden konnte. Wie bei den Orcas, die vor der amerikanischen und kanadischen Küste leben, war über die isländische Orca-Gemeinschaft nur wenig bekannt, als die Fankaktionen begannen. Was zunächst als reichhaltiges Angebot an Walen erschien, stellte sich später nach wissenschaftlichen Erkenntnissen als  unterschiedliche und eigenständige Populationen heraus, für die es weitreichende Folgen hatte,  wenn der Gemeinschaft oder Familie einzelne Individuen entrissen wurden. Forschungen  in Island belegen, dass diese Orcas wahrscheinlich ähnliche Sozialstrukturen wie die pazifischen ortstreuen Schwertwale haben – matrilineale, familienorientierte Gruppen, mit engen  und komplexen Sozialgefügen. Wir kennen die Geschichten der Orcas, die ihren Familien weggenommen wurden, aber leider können wir nicht wissen, wie es denen ergangen ist, die zurückgeblieben sind.

Im November 1983 wurden drei junge Orcas – zwei männliche und ein weiblicher – aus ihren Familienverbänden gerissen und in einen Zoo bei Reykjavik transportiert.  Nachdem man dann über ein Jahr auf einen Käufer wartete, wurde einer von ihnen zu Sealand of the Pacific verschifft, wo man ihn Tilikum nannte. Der Rest ist Geschichte.

Über ein Jahrzehnt lang wurden Orcas in den Gewässern Islands gefangen, bis gestiegenes öffentliches Interesse und Protest die Fangaktionen ausbremsten.  Gefangennahmen lebender Orcas gibt es heute allerdings immer noch. In Russland wurden seit 2012 mindestens 13 Orcas, eventuell sogar bis zu 20, als Nachschub für den wachsenden Bedarf der Delfinarien in Russland und China eingefangen.

Seaworlds neueste  Bekanntmachung zur Beendigung des Orca-Zuchtprogramms ist ein wichtiger erster Schritt, um die Haltung von Walen und Delfinen in Gefangenschaft zu beenden. Es bedeutet aber keine Besserung für die derzeit gehaltenen Individuen. WDC setzt sich dafür ein, dass für diese Refugien errichtet werden, damit sie ihren Lebensabend in einer geschützten und so naturgetreuen Umgebung wie möglich verbringen können. Tilikums Schicksal hat in jedem Fall viel dazu beigetragen, dass die Haltung von Orcas bei SeaWorld nun auslaufen wird. Sein Vermächtnis wird aber erst erfüllt sein, wenn die Betonbecken in Delfinarien leer bleiben.

Weitere Informationen: Tilikum - Warum Orcas ins Meer gehören

Kommentare

Es ist schwer zu glauben, dass man freie, wilde Tiere als Eigentum sieht. Es ist für mein Verständnis dasselbe, als ob Kinder raubt, gefangen hält oder von der Strasse sammelt und verkauft. Genau dasselbe. Niemand hat das Recht, KEIN STAAT, KEIN GEBIET, KEIN MENSCH Natur und Tier als sein Eigentum zu benennen und sich an diese zu vergreifen und noch dazu für sein eigenes Interesse Geld zu verdienen. Ich verdiene mein Geld, weil ich einer weiteren Person meine freiwillige Dienste anbiete. FREIWILLIG, kennen Tiere nicht, nicht mal Haustiere.